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Die Ausgangssituation
Junge Fachkräfte stecken oft in einer Falle, die auf den ersten Blick banal wirkt, aber in der Praxis enorm viel Zeit und Energie kostet: Sie merken nicht, in welcher Phase eines Problemlösungsprozesses sie sich gerade befinden.
Das führt zu zwei unterschiedlichen Fallstricken. Der erste: Man verharrt zu lange in der Suche nach einem Lösungsansatz, ohne zu merken, dass man im Kreis läuft – probiert wahllos etwas, dann noch etwas, ohne dass ein echter Erkenntnisgewinn entsteht.
Der zweite Fallstrick ist subtiler: Man hat längst einen validen Pfad identifiziert, gibt ihn aber vorzeitig auf, weil er sich mühsam anfühlt – man verwechselt Anstrengung mit Sackgasse.
Der theoretische Unterbau
In der Fachliteratur kennt man dieses Spannungsfeld als Exploration vs. Exploitation. Die Exploration ist die Suchphase – man tastet den Lösungsraum ab, sammelt Informationen, testet Hypothesen, ohne zu wissen, welche davon trägt.
Die Exploitation beginnt, sobald ein Pfad identifiziert ist, den man systematisch verfolgt. Das bekannteste formale Modell dafür ist das Multi-Armed-Bandit-Problem: Wie viele „Arme“ probiere ich noch aus, bevor ich mich auf den vielversprechendsten konzentriere?
Was in diesem Modell fehlt, ist der Zustand, der beim Menschen dazwischenliegt und der eigentlich das größere praktische Problem ist: der Impasse. Beim Bandit sind die Arme immer bekannt – bei vielen praktischen Problemen nicht. Newell und Simon haben Problemlösen als Suche in einem Problemraum beschrieben; Stellan Ohlsson hat darauf aufbauend den Impasse als den Zustand gefasst, in dem in diesem Raum kein nächster Schritt mehr sichtbar ist. Man hat keine Ahnung mehr, wo man systematisch ansetzen soll – exakt das, was sich oft als „headless chicken mode“ äußert.
Der Unterschied zur Exploration liegt dabei nicht im Verhalten, sondern im Suchraum selbst. Bei der Exploration ist der Raum möglicher nächster Schritte bekannt – man weiß, was die Optionen sind, nur nicht, welche davon trägt, und jeder Versuch liefert Information, die diesen Raum weiter eingrenzt. Beim Impasse ist genau dieser Raum nicht mehr sichtbar:
Es geht nicht mehr um „welche Option ist gut“, sondern darum, dass gar keine sinnvollen (!) Optionen mehr erkennbar sind. Von außen sieht das oft wie Exploration aus – man probiert ja etwas –, aber ohne definierten Suchraum entsteht dabei kein Erkenntnisgewinn, der den Raum eingrenzt. Genau das unterscheidet echtes Tasten im Lösungsraum vom bloßen Herumprobieren im Impasse.
Die entscheidende Erkenntnis aus der klassischen Problemlösungsforschung: Der Ausweg aus einem echten Impasse kommt in der Regel nicht durch „mehr vom Gleichen“, sondern durch Restrukturierung – eine veränderte Sicht auf das Problem, oft angestoßen von außen. Das ist der Grund, warum reines Weitermachen die falsche Antwort auf einen Impasse ist. Wer im Impasse steckt und trotzdem stur weitersucht, verbrennt Zeit, ohne dass sich die Wahrscheinlichkeit einer Lösung erhöht.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Azubi von mir hatte mal einen halben Tag damit verschwendet, ohne Erfolg ein virtual environment in Python
einzurichten. Er hatte sich nicht getraut zuzugeben, dass er das Konzept noch nicht verstanden hatte. Unter Aufsicht war es dann eine Sache von weniger als 2 Minuten.
Das Bestrahlungsproblem
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt eine der bekanntesten Aufgaben aus der Problemlösungsforschung: das Bestrahlungsproblem (im Englischen „Duncker’s radiation problem“), entwickelt von Karl Duncker in den 1930er Jahren.
Die Aufgabe lautet: Ein Patient hat einen bösartigen Tumor im Magen. Eine Operation ist nicht möglich. Es gibt Strahlen, die den Tumor bei ausreichender Intensität zerstören können. Das Problem: Bei dieser Intensität zerstören die Strahlen auf dem Weg zum Tumor auch das gesunde Gewebe, durch das sie hindurchmüssen. Bei geringerer Intensität schädigen sie das gesunde Gewebe zwar nicht, aber sie zerstören auch den Tumor nicht. Wie kann der Tumor zerstört werden, ohne das gesunde Gewebe zu schädigen?
Die Lösung: Man feuert mehrere schwache Strahlen aus unterschiedlichen Richtungen auf den Tumor, sodass sie sich genau im Tumor bündeln. Jeder einzelne Strahl ist zu schwach, um das gesunde Gewebe zu schädigen, aber ihre Summe im Zielpunkt reicht aus, um den Tumor zu zerstören.
Das Interessante daran: Die meisten Versuchspersonen finden diese Lösung nicht von selbst – in den Experimenten von Gick & Holyoak (1980) waren es ohne Hinweis nur rund 10 Prozent –, obwohl sie logisch simpel ist, sobald man sie kennt. Der Grund liegt genau in dem, worüber wir gerade gesprochen haben. Man ist im Problemraum fixiert auf die Vorstellung „ein Strahl, eine Quelle“ – das ist die anfängliche Repräsentation des Problems. Man steckt in genau dem Impasse fest, den die Problemlösungsforschung später formal beschrieben hat. Erst wenn man das Problem restrukturiert – weg von „ein starker Strahl“ hin zu „mehrere schwache Strahlen, die sich summieren“ – wird der nächste Schritt überhaupt sichtbar.
Duncker hat mit Aufgaben wie dieser gezeigt, dass Menschen oft nicht an fehlendem Wissen scheitern, sondern an einer zu engen anfänglichen Problemrepräsentation. Gick & Holyoak haben Jahrzehnte später nachgewiesen, dass Hinweise, die diese Repräsentation aufbrechen, die Lösungswahrscheinlichkeit deutlich erhöhen: Wer vorher eine analoge Geschichte las – eine Festung, die nur von mehreren kleinen Trupps aus allen Richtungen gleichzeitig eingenommen werden kann – und den Hinweis bekam, sie zu nutzen, fand die Lösung in der großen Mehrheit der Fälle. Genau das ist der Kern der These, dass der Ausweg aus einem Impasse über Restrukturierung läuft, nicht über mehr Anstrengung im alten Rahmen.
Eine Heuristik
Genau hier setze ich eine einfache Heuristik ein, die ich meinen Azubis mitgebe:
- Wenn sie nach 90 Minuten keinen konkreten Lösungsansatz gefunden haben → melden.
- Wenn sie mit einem konkreten Lösungsansatz nach 3–4 Stunden kein Licht am Ende des Tunnels sehen → melden.
Zwei Zeitfenster, zwei unterschiedliche Trigger, weil sie zwei unterschiedliche Situationen adressieren. Die 90-Minuten-Grenze zielt auf den echten Impasse: Wenn ich nach anderthalb Stunden noch nicht mal einen Ansatz habe, bin ich vermutlich nicht in der Exploration, sondern im headless chicken mode – ich probiere ohne System.
Die 3–4-Stunden-Grenze zielt auf einen anderen Fall: Ich bin in der Exploitation, verfolge also einen Pfad, aber der Pfad zeigt keine Fortschrittsindikatoren mehr. Auch das kann ein verdeckter Impasse sein.
Wichtig ist dabei: „Melden“ ist keine Kontrollmaßnahme und kein Eingeständnis von Schwäche. Es ist ein eingebauter Trigger für genau die Restrukturierung, die man sich selbst im Impasse nicht mehr geben kann. Eine zweite Perspektive von außen kann oft in Minuten das leisten, wofür man selbst Stunden bräuchte – oder woran man alleine komplett scheitern würde.
Die Gegenmittel: Work Breakdown und Minimum Viable Action
Neben dem Erkennen des Zustands braucht es auch ein Werkzeug, um wieder herauszukommen. Zwei Konzepte helfen hier, je
nach Phase:
Minimum Viable Action (MVA) – dazu hatte ich im Skin-in-the-Game-Artikel bereits geschrieben – ist das Mittel der Wahl im Impasse. Die Idee: Wenn keine Lösung sichtbar ist, senkt man bewusst die Handlungsschwelle. Nicht „die richtige nächste Aktion“, sondern die kleinstmögliche Aktion, die überhaupt noch ausführbar ist und die neue Information liefert. Diese neue Information ist oft genau das, was die Restrukturierung anstößt, die man braucht, um aus dem Impasse zu kommen. Manchmal ist es Aufstehen und Kaffee holen gehen, um dem Gehirn Abstand zu verschaffen.
Work Breakdown dagegen ist das Werkzeug für die Exploitation-Phase. Sobald ein Pfad identifiziert ist, geht es nicht mehr um Restrukturierung, sondern um Zerlegung: den Pfad in handhabbare, überprüfbare Schritte aufteilen, sodass Fortschritt sichtbar und messbar wird – und sodass man frühzeitig merkt, wenn der Pfad doch nicht trägt.
Work Breakdown ist damit auch das Gegenmittel gegen den zweiten Fallstrick vom Anfang: einen validen Pfad aufzugeben, weil er sich mühsam anfühlt. Wer nur das große, ferne Ziel vor Augen hat, spürt vor allem die Anstrengung. Wer dagegen sieht, dass Schritt drei von acht erledigt ist, kann Anstrengung und Sackgasse wieder auseinanderhalten: Mühsam heißt nicht falsch, solange die Teilschritte vorankommen.
Prokrastination durch Perfektionismus
Es gibt einen dritten Fallstrick, der sich von den ersten beiden unterscheidet, weil er nicht im Fehlen einer Lösung liegt, sondern in der Weigerung, eine bereits vorhandene Lösung in unfertigem Zustand anzugehen oder zu zeigen: Prokrastination durch Perfektionismus.
Der Unterschied zum Impasse ist entscheidend. Im Impasse ist kein nächster Schritt sichtbar. Bei perfektionistischer Prokrastination ist der nächste Schritt meistens sehr wohl sichtbar – man weiß genau, was zu tun wäre –, aber man beginnt trotzdem nicht, weil das Ergebnis dieses ersten Schritts unweigerlich unfertig, fehlerhaft oder angreifbar wäre.
Man verwechselt damit den ersten Entwurf mit dem Endzustand und beurteilt ihn nach dessen Maßstäben. Psychologisch ist das gut dokumentiert: Forschung zu Perfektionismus (u. a. Flett & Hewitt) zeigt, dass gerade sozial vorgeschriebener Perfektionismus – das Gefühl, dass andere Perfektion von einem erwarten, und damit die Angst, für ein unfertiges Ergebnis bewertet zu werden – mit Prokrastination zusammenhängt. Nicht Faulheit hält Menschen zurück, sondern Erwartungsangst.
Von außen sieht das oft wie Sorgfalt aus: Man recherchiert „noch ein bisschen mehr“, feilt „noch ein bisschen“ an der Planung, bevor man den ersten sichtbaren Schritt macht. Genau darin liegt die Falle – sie tarnt sich als verlängerte Exploration, obwohl der Lösungsraum längst genug eingegrenzt ist, um loszulegen. Der Unterschied zur echten Exploration: Es entsteht kein neuer Erkenntnisgewinn mehr, der den Raum weiter eingrenzt – man dreht sich im Kreis um denselben, längst bekannten Punkt.
Ein Azubi von mir hat einmal mehrere Stunden über der Beschreibung eines Pull Requests für eine simple Änderung gebrütet, weil er befürchtete, dass Rückfragen im Review ihn „dumm dastehen lassen“ würden. Als er den PR schließlich – aus seiner Sicht unfertig – eingereicht hat, gab es genau eine kleine Rückfrage, in zwei Minuten geklärt.
Das Gegenmittel ist im Kern dasselbe wie beim Impasse: MVA, nur mit anderer Zielrichtung. Im Impasse liefert die kleinstmögliche Aktion neue Information, die eine Restrukturierung anstößt. Bei perfektionistischer Prokrastination liefert sie vor allem eines: den Beweis, dass die gefürchtete Bewertung entweder ausbleibt oder sich problemlos beheben lässt. Der Trick ist, den Maßstab bewusst zu verschieben – von „fertig genug, um abgeschlossen zu sein“ zu „gut genug, um Feedback dazu einzuholen“. Das ist eine niedrigere und vor allem eine andere Hürde, und genau deshalb ist sie leichter zu nehmen.
Der Hornbach-Slogan: „Es gibt immer was zu tun“
Der alte Werbeslogan der Baumarktkette Hornbach – „Yippiejaja-yippie-yippie-yeah – Es gibt immer was zu tun“ – trifft den Kern der MVA überraschend gut, wenn man ihn ernst nimmt, statt ihn nur als Marketing-Gag abzutun. Er behauptet nicht „es gibt immer eine fertige Lösung“. Er behauptet: Es gibt immer einen nächsten kleinsten Schritt. Und genau das ist der Ausweg aus dem Impasse – nicht weil dieser Schritt die Lösung bringt, sondern weil er das planlose Herumprobieren des headless chicken mode durch eine einzige, bewusst gewählte Handlung ersetzt.
Fazit: Kompakte Checkliste
Für Azubis oder generell Berufseinsteiger lässt sich das Ganze auf ein paar einfache Fragen herunterbrechen:
- Habe ich einen konkreten Lösungsansatz? Wenn nein und es sind schon 90 Minuten vergangen → melden, nicht weiter
blind suchen. - Verfolge ich einen Pfad, aber sehe seit Stunden keinen Fortschritt? Wenn ja, nach 3–4 Stunden → melden, das kann
ein verdeckter Impasse sein. - Stecke ich fest, ohne dass jemand sofort erreichbar ist? Dann: kleinstmögliche Aktion ausführen (MVA), nicht
warten. - Habe ich einen Pfad gefunden? Dann: in kleine, überprüfbare Schritte zerlegen (Work Breakdown), damit Fortschritt
sichtbar bleibt und Sackgassen früher auffallen. - Weiß ich eigentlich, was zu tun ist, fange aber nicht an? Dann: kleinsten sichtbaren Schritt machen (MVA) und
Feedback einholen – „gut genug für Feedback“ statt „fertig“.
Das Ziel ist nicht, nie wieder festzustecken – das gehört zum Problemlösen dazu. Das Ziel ist, den eigenen Zustand
schnell genug zu erkennen, um die richtige Gegenmaßnahme zu wählen, bevor wertvolle Zeit verbrennt.
Quellen
- Sutton, R. S. & Barto, A. G. (2018). Reinforcement Learning: An Introduction (2. Aufl.), Kapitel 2: Multi-armed
Bandits. Cambridge, MA: MIT Press. Online-Version - Newell, A. & Simon, H. A. (1972). Human Problem Solving. Englewood Cliffs, NJ: Prentice-Hall.
- Ohlsson, S. (1992). Information-processing explanations of insight and related phenomena. In M. T. Keane & K. J.
Gilhooly (Hrsg.), Advances in the Psychology of Thinking (Bd. 1, S. 1–44). London: Harvester Wheatsheaf. - Duncker, K. (1935). Zur Psychologie des produktiven Denkens. Berlin: Springer. Englische Fassung: Duncker, K.
(1945). On problem-solving. Psychological Monographs, 58 (5), Whole No. 270. - Gick, M. L. & Holyoak, K. J. (1980). Analogical problem solving. Cognitive Psychology, 12 (3), 306–355.
PDF - Sirois, F. M., Molnar, D. S. & Hirsch, J. K. (2017). A meta-analytic and conceptual update on the associations between
procrastination and multidimensional perfectionism. European Journal of Personality, 31 (2), 137–159.






