Eine meiner Lieblingsbands ist Linkin Park.
Als Chester Bennington 2017 gestorben ist, dachte wohl kaum jemand ernsthaft an ein Comeback. Zu prägend war seine Stimme für den Sound der Band. Als Sänger war er das Aushängeschild. Wenn man ihn hörte, wusste man sofort: Das ist Linkin Park.
Dann kam 2024 das große Comeback – mit der neuen Sängerin Emily Armstrong. Wie konnte das funktionieren? Und was hat das mit einer M-Shaped Personality zu tun?
Gehen wir es der Reihe nach an:
Die Stimme von Chester Bennington war ein klassisches „I“: eine klar erkennbare, außergewöhnlich starke Fähigkeit. Sicherlich basierte sie auf Talent und besonderen körperlichen Voraussetzungen, wurde aber über Jahre hinweg durch Übung und Erfahrung immer weiter verfeinert. Seine Stimme hat den Sound der Band massiv geprägt.
Aber warum funktioniert Linkin Park auch mit einer neuen Stimme noch? Weil die Stimme eben nicht das einzige Element ist, das den Sound der Band ausmacht.
Hinter den Kulissen ist Mike Shinoda aus meiner Sicht der eigentliche Strippenzieher – und ein gutes Beispiel für eine M-Shaped Personality.
Warum? Schaut man sich zum Beispiel den Wikipedia-Eintrag an, hat fast jedes Bandmitglied eine klar definierte Rolle. Mike Shinoda dagegen vereint gleich mehrere: Rap, Keyboard, Gitarre, Sampler, Piano, Gesang. Dazu kommt laut Discogs seine Arbeit als Producer und Co-Producer.
Er beherrscht extrem viele Dinge. Viele davon sehr gut – aber vielleicht keines davon auf absolutem Weltklasse-Niveau für sich allein betrachtet.
Ist er der beste Rapper der Welt? Nein.
Der beste Keyboarder? Auch nicht.
Der beste Songwriter? Wahrscheinlich nicht.
Der beste Produzent? Vermutlich ebenfalls nicht.
Aber er ist in all diesen Bereichen gut genug, und genau diese Kombination macht den Unterschied. Zusammengenommen bilden diese Fähigkeiten das kreative Rückgrat der Band. Wenn man einen Linkin-Park-Song hört, erkennt man oft schon sehr früh, dass es ein Song dieser Band ist – noch bevor der Hauptgesang überhaupt einsetzt.
Will ich damit die Beiträge der anderen Bandmitglieder kleinreden? Natürlich nicht. Für das Comeback war auch die ausdrucksstarke Stimme von Emily Armstrong entscheidend. Und selbstverständlich haben auch die anderen Mitglieder den Sound der Band geprägt und prägen ihn bis heute.
Aber irgendjemand musste sich auf die Suche nach einer neuen Sängerin machen. Irgendjemand musste daran glauben, dass die Geschichte der Band noch nicht zu Ende ist. Irgendjemand musste vermutlich noch ein ganzes Backlog an Songideen im Kopf oder in der Schublade haben.
Und wie bekomme ich jetzt die Kurve zurück zu Technologie und Robotics?
Ganz einfach: In einer Zeit, in der moderne AI-Tools immer stärker die Rolle von Spezialisten übernehmen, braucht es zur Koordination weiterhin diese M-Shaped Personalities – so jedenfalls die landläufige Meinung. Irgendjemand muss diese Spezialisten anleiten, sinnvoll einsetzen und überhaupt erst auf die Idee kommen, welches Ziel es sich zu verfolge lohnt.
Dieser Jemand muss nicht in allem der absolute Top-Experte sein. Es reicht, wenn er ein System aufbauen kann und an den entscheidenden Stellen seine eigenen Fähigkeiten einbringt, um daraus ein starkes Zusammenspiel aus Menschen und Agenten zu formen
Lassen wir dazu einmal Jürgen Appelo zu Wort kommen:
But as AI takes on more complex, specialized tasks, the ability to synthesize information from different fields becomes crucial. The goal is to become M-shaped, combining mastery across multiple fields with strong business and leadership skills.
Auf Deutsch:
Aber wenn AI komplexere, spezialisierte Aufgaben übernimmt, wird die Fähigkeit, Informationen aus verschiedenen Bereichen zu synthetisieren, entscheidend. Das Ziel ist es, M-förmig zu werden: also Kompetenzen in mehreren Disziplinen mit starken Business- und Leadership-Skills zu verbinden.
Dröseln wir diese Modelle noch etwas weiter auf:
I-Shaped Personality
Das ist das, was man früher oft etwas abfällig als „Fachidiot“ bezeichnet hat. Wohlwollender gesagt: jemand mit extrem tiefer Expertise in einem Gebiet, aufgebaut über viele Jahre oder Jahrzehnte. Diese Tiefe geht allerdings manchmal
zulasten von Breite, Kontextverständnis oder sozialen Fähigkeiten. Archetyp Magnus Carlsen
T-Shaped Personality
Hier kombiniert jemand eine sehr starke Kernkompetenz mit einem breiten Überblick über angrenzende Disziplinen. Also: ein tiefes Spezialgebiet plus ausreichend Breite, um mit anderen Feldern gut zusammenzuarbeiten. Archetyp Casey Neistat
Pi-Shaped Personality
Ein Pi π hat zwei „Beine“ – also tiefes Wissen in zwei unterschiedlichen Bereichen. Das erhöht den eigenen Wert oft erheblich, weil die Kombination zweier echter Kompetenzen deutlich seltener ist als reine Einzeldisziplinen. Archetyp Richard Feynman (Pädagogik und Physik)
M-Shaped Personality
Ein M hat mehrere Säulen. Es steht für tiefes Wissen in mindestens drei relevanten Bereichen – kombiniert mit der Fähigkeit, diese sinnvoll zusammenzubringen und in Wirkung zu übersetzen.
Und genau deshalb ist dieses Modell heute so interessant: Nicht, weil Spezialisten unwichtig werden – im Gegenteil. Sondern weil in einer Welt voller hochspezialisierter Menschen und immer leistungsfähigerer AI-Tools diejenigen besonders wertvoll werden, die mehrere Disziplinen verbinden, Teams orchestrieren und aus vielen Einzelteilen ein funktionierendes Ganzes bauen können.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Kern der Geschichte von Linkin Park: Nicht nur eine außergewöhnliche Stimme, sondern ein System aus mehreren kreativen Kräften – zusammengehalten von jemandem, der genug von vielen Disziplinen versteht, um daraus etwas Eigenes, Wiedererkennbares und Neues entstehen zu lassen.






